Boethius Trost Der Philosophie Essay

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Genre Konsolationssliteratur

2. Konsolation in der Philosophie
2.1 Antike
2.1.1 Pytagoreismus
2.1.2 Sophistik
2.1.3 Klassik: Sokrates, Platon, Aristoteles
2.1.4 Hellenismus: Stoa, Epikureismus
2.1.5 Lateinische Philosophen: Cicero, Augustinus
2.2 Mittelalter
2.3 Neuzeit und Moderne

3. De Consolatione Philosophiae
3.1 Boethius – Der Autor
3.2 Die Schrift
3.3 De Consolatione Philosophiae als Konsolationsschrift

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Sicherlich kennt jeder Mensch Situationen in denen er Trost brauchte oder jemand anderem Trost spenden musste. Egal ob ein Schicksalsschlag Ursache ist, Probleme und Sorgen in Leben oder Beruf, Enttäuschungen in Freundschaft oder Liebe, Trost ist ein zentrales Thema, das jeden Einzelnen betrifft.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich schon seit Jahrtausenden Wissenschaft, Literatur aber auch Philosophie immer wieder mit den Ursachen und Wirkungen von Tröstungen auseinander setzen. Aus dieser Auseinandersetzung heraus entwickelte sich die Gattung der Konsolations- oder Trostliteratur.

Eines der bedeutendsten Werke dieses Genres ist bis heute Boethius' De Consolatione Philosophiae. Aber inwiefern ist dieses überhaupt der Gattung zuzuordnen und in welchem Maße reiht es sich in die Tradition antiker philosophischer Trostschriften ein? Diese zentrale Frage soll in vorliegender Arbeit beantwortet werden.

Als Grundlage soll hierzu zunächst das Genre selbst dargestellt werden, indem seine Entstehung, die verschiedenen Arten und zentrale Topoi erläutert werden.

Um Boethius' Schrift auf seine Zugehörigkeit zu antiken philosophischen Konsolationen zu überprüfen, wird im nächsten Schritt speziell auf diese Werke Bezug genommen. Von der Antike bis zur Moderne sollen verschiedenste Philosophen und Philosophenschulen betrachtet werden, um zu untersuchen, welche Konsolationswerke es gibt, worin die Philosophen die Ursachen für Trost sehen und wie dieser ihrer Meinung nach aussehen kann oder muss. Besonderes Augenmerk soll denn auch auf der Antike liegen, da De Consolatione Philosophiae unmittelbar in Tradition zu Werken dieser Zeit steht.

Im letzten Punkt soll schließlich die oben genannte zentrale Frage beantwortet werden. Weil die Lebensumstände des Autors wichtig für das Verständnis der Schrift als Konsolation sind, soll als Grundlage eine Biographie von Boethius dienen, bevor das Werk selbst vorgestellt wird. Im letzten Schritt soll Vom Trost der Philosophie dann bezüglich der Zugehörigkeit zum Genre, speziell zur antiken philosophischen Konsolationsliteratur, analysiert werden. Welche zentralen Topoi enthält die Schrift? Inwiefern steht das Werk in Tradition zu anderen Konsolationen der Philosophie? Wie wurde diese Tradition von Boethius umgesetzt?

1 Das Genre Konsolationsliteratur

Schon seit der Antike wird Trost (lat.: consolatio) in Literatur, Dichtung und auch Philosophie immer wieder thematisiert. Das Genre der Konsolationsliteratur bildete sich bereits, etwa gegen Ende des 8. Jahrhunderts, aus den Anfängen bei Homer.[1] Für ihn lag Trost in innigem Zuspruch und gegenseitiger Klage unter eng verbundenen Menschen; zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern.[2]

In Konsolationswerken werden Anlässe menschlichen Leidens reflektiert. Ihr Ziel ist es, die Trauer des Betroffenen zu lindern oder sogar ganz und gar zu überwinden.[3]

Im Grunde lassen sich zwei verschiedene Arten von Konsolationsliteratur unterscheiden. Im engeren Sinn sind Trostschriften solche, die aus einem unmittelbaren Traueranlass geschrieben werden, um Lösungen zu finden, den Trauernden von seinem Leid zu befreien oder dies zumindest zu lindern.[4] Hierbei kann der Autor die Schrift entweder als Trost für andere, aber auch als Trost an sich selbst verfassen. Als Beispiel für den Selbsttrost eines Autors können unter anderem Ovids Konsolationsschriften Tristia und Epistulae ex Ponto genannt werden, wohingegen Sokrates mit philosophischen Gesprächen nicht sich, sondern seine Freunde über seinen bevorstehenden Tod hinwegzutrösten versucht.[5] Im weiteren Sinn gehören zur Gattung Konsolationsliteratur auch Werke, die ohne konkreten Trauerfall verfasst werden. Sie sollen dazu dienen, den Lesern bei Problemen verschiedenster Art gedankliche Hilfestellungen zu leisten und Lösungsansätze zu bieten.[6]

Eine Trostschrift ist nicht zu vergleichen mit heute bekannten, meist unliterarischen Kondolenzbriefen oder Grabreden, denn der Verfasser glaubt, über diese puren Beileidsbekündungen und rührenden Worte hinaus, tatsächlich etwas gegen das Leid und den Schmerz des Trauernden ausrichten zu können.[7] Allerdings werden in Konsolationsschriften keine Tipps im Stil eines Ratgebers gegeben, sondern Hinweise, sich an die guten Dinge des Lebens zu erinnern oder neuen Mut zu fassen. Häufig soll sogar die alleinige Beschäftigung mit Dichtung oder Philosophie zu einer Linderung der Trauer führen.[8]

In der Entwicklung des Genres bildeten sich zahlreiche Trosttopoi heraus, die in der klassischen Konsolationsliteratur, aber auch bis heute, immer wieder thematisiert werden.[9] Am häufigsten setzen sich die Autoren in unterschiedlicher Weise mit dem Thema Tod auseinander. Im Großen und Ganzen lassen sich hierbei zwei verschiedene Arten von Konsolationsschriften mit dem Topos Tod unterscheiden. Der Verfasser kann beispielsweise sich selbst oder Anderen Trost spenden bei der Trauer um einen Verstorbenen. So hat unter anderem Cicero seine Consolatio ad se ipsum geschrieben, um seinen Schmerz über den Verlust seiner verstorbenen Tochter Tullia zu lindern.[10] Daneben werden Trostschriften häufig aber auch bei einer so genannten Unabwendbarkeit des Todes verfasst, also dann, wenn der Autor selbst seinen Tod, durch Krankheit, Hinrichtung oder Ähnliches, vor Augen hat.[11] Wie man an Boethius' De Consolatione Philosophiae sieht, entweder als Selbsttrost oder um seine Angehörigen und Freunde wegen seines eigenen bevorstehenden Todes zu trösten. Bereits zuvor wurde erwähnt, dass dies unter anderem Sokrates umgesetzt hat.[12]

Ein weiterer häufig verwendeter Topos ist das Verbannungsmotiv.[13] Hierbei befindet sich der Autor der Konsolationsschrift aus verschiedensten Gründen im Exil und versucht mit Hilfe von Dichtung oder Philosophie diese neue Situation zu akzeptieren oder wiederum seine Angehörigen und Freunde über seinen Verlust zu trösten. Als Beispiel kann hier Seneca genannt werden. Seine Konsolation Ad Helviam matrem war offenbar als Selbsttrost gedacht, wird durch eine Widmung aber gleichzeitig ein Trost für seine Mutter wegen ihres Kummers um seine Verbannung.[14] Als nicht philosophisches Beispiel kann, die schon vorher erwähnte Tristia genannt werden, in der Ovid die Härten seines Exils beschreibt um sich damit selbst zu trösten.[15]

Ein anderes Motiv, dass immer wieder in Konsolationsschriften behandelt wird, ist das des Unglücks bzw. der Unbeständigkeit des Glücks. Dabei geht es darum, dass eine Person, welche der Autor selbst, aber auch ein anderer sein kann, aus einem zuvor glücklichen Leben in eine für ihn schlechtere Situation gerät und das damit verbundene Leid vermindert werden soll. Der Topos Unglück oder Unbeständigkeit des Glücks lässt sich allerdings noch differenzieren, da verschiedenste Themen unter ihn fallen. So beispielsweise der Verlust von Eigentum, Arbeit, Stellung oder Ehre, Enttäuschungen in Freundschaften, aber auch Liebeskummer oder Liebesschmerz.[16] Im Grunde kann man sagen, dass fast alle Konsolationschriften dieses Motiv behandeln, da sicherlich auch Verbannung und Tod etwas mit Unglück zu tun haben. Ein konkretes Beispiel hierfür lässt sich erneut in einer Konsolationsschrift Ovids finden. So schildert dieser in der Epistulae ex Ponto sein früheres Glück und sein gegenwärtiges Unglück.[17]

2 Konsolation in der Philosophie

Nachdem das Genre Konsolationsliteratur näher erläutert wurde, soll in diesem Punkt nun speziell auf philosophische Trostschriften bzw. die Auseinandersetzung mit dem Thema Trost in der Philosophie Bezug genommen werden.

Wie bereits erwähnt hat das Genre auch in der Philosophie seine Ursprünge schon in der Antike. Aber auch in den folgenden Epochen und bis heute setzten und setzen sich Philosophen immer wieder mit dem Thema Trost auseinander. Während die im vorherigen Punkt genannten Motive und Topoi über die Jahrhunderte weitestgehend gleich geblieben sind, gibt es signifikante Unterschiede zwischen den Philosophen in der Beantwortung der Fragen, worin Trost liegen kann und wie er umgesetzt werden kann.[18]

2.1 Antike

In der Antike liegen die Anfänge philosophischer Konsolationsliteratur. Im Folgenden sollen verschiedene Vorstellungen zum Thema Trost und einige Trostschriften dieser Zeit vorgestellt werden.

[...]



[1] Stammkötter, F.B.: Art. Trost, in: Joachim Ritter; Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 10, Basel: Schwabe & Co AG, 1998, Sp. 1524-1525.

[2] Kassel, Rudolf: Untersuchungen zur griechischen und römischen Konsolationsliteratur, München: C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1958, S. 5-6.

[3] Stammkötter, a.a.O., Sp. 1524-1525.

[4] Kassel, a.a.O., S. 3.

[5] Gruber, Joachim: Kommentar zu Boethius, De consolatione philosophiae, Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2006, S. 26-27. und Stammkötter, a.a.O., Sp. 1525.

[6] Kassel, a.a.O., S. 3.

[7] Kassel, a.a.O., S. 4.

[8] Gruber, a.a.O., S.25.

[9] Gruber, a.a.O., S. 24.

[10] Relihan, Joel C.: The Prisoner's Philosophy. Life and Death in Boethius's Consolation, Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2007, S. 48-51. und Kassel, a.a.O., S. 18.

[11] Vgl. ebd., S. 52.

[12] Gruber, a.a.O., S 26. und Stammkötter, a.a.O., Sp. 1525.

[13] Relihan, a.a.O., S. 49.

[14] Gruber, a.a.O., S. 27.

[15] Classen, Jo-Marie: Displaced Persons. The Literature of Exile from Cicero to Boethius, Madison: The University of Wisconsin Press, 1999, S. 244.

[16] Relihan, a.a.O., S. 49.

[17] Classen, a.a.O., S. 248.

[18] Stammkötter, a.a.O., Sp. 1525-1527.

Inwiefern lässt sich die Forderung der ,Selbsterkenntnis’ als Schlüssel für die Tröstung des Boethius werten?

Bevor Boethius auf die Philosophie trifft, ist er sehr unglücklich. Erst die durch die Philosophie beförderte Selbsterkenntnis, die unter anderem im der Entlarvung seiner Irrtümer und im Erkennen des summum bonum liegt, verschafft Boethius Linderung und bewirkt schließlich die Heilung seiner Krankheit.

1. Buch

Zu Beginn beklagt Boethius sein Leid. Von seiner Familie getrennt und in der Verbannung ausharrend, fühlt er sich schwach, alt und blickt hasserfüllt auf sein Leben.

Dem in sein Leid versunkenen Boethius erscheint nun die (für Boethius zunächst noch nicht als diese identifizierbare) personifizierte Philosophie. Sie tritt Boethius entgegen in Gestalt einer höchst ehrwürdig aussehenden Frau mit durchdringenden Augen von frischer Farbe und unerschöpfter Jugendkraft. Ihre wechselnde Größe, die sich teilweise über den Himmel erstreckt, könnte für ihre Transzendentalität stehen. Die Philosophie ist erzürnt über die Anwesenheit der Dichtermusen. Sie wirft ihnen vor, durch Förderung der Leidenschaften Boethius’ Vernunft zu tilgen und die Menschen durch Schmeicheleien mehr an die Krankheit zu gewöhnen als sie davon zu befreien. So ist dann auch die erste Handlung der Philosophie, die Dichtermusen zu vertreiben. Daraufhin setzt sie sich zu Boethius ans Bett und beklagt in dem zweiten Gedicht die Verwirrung seines Geistes. Jedoch sei, so spricht die Philosophie, Arznei mehr am Platze als Klage. Der gesamte Text verbleibt in dieser medizinischen Metaphorik, in der die Philosophie als Ärztin dem Kranken Boethius erst Schmerzmittel und dann schärfere Arznei verabreicht. Sie erinnert Boethius zunächst daran, dass er eigentlich selbst Forscher und Denker war, bevor er unglücklich wurde und erkrankte. Von Kindheit an sei Boethius mit ihrer Speise groß geworden, also somit selbst philosophisch tätig gewesen, habe aber nun ihre nie besiegten Waffen fortgeworfen. Darin enthalten ist der Appell, sich für seine Heilung wieder der Philosophie zuzuwenden. Auf die Frage, ob er die Philosophie nun als diese erkenne, schweigt Boethius zunächst. Die Philosophie stellt ihre erste Diagnose: Boethius habe ein wenig seiner selbst vergessen. Indem er die Philosophie erkenne und die Umwölkung seines Geistes (verursacht durch die sterblichen Dinge) von ihm abfalle, werde er sich wieder auf sich selbst besinnen. Tatsächlich: Als Boethius die Philosophie nun als die Nährerin seiner Jugend wieder erkennt, tritt ein wenig Leben in ihn zurück. Die Philosophie fordert Boethius auf, den Grund seines Leides aufzudecken. Boethius’ Hauptproblem ist, dass er nicht versteht, wie Fortuna (das Schicksal) ihm so übel mitspielen konnte. Zudem fühlt er sich von der Wertschätzung des Volkes verlassen, obwohl er doch nichts verbrochen habe. Alles habe Gott gesetzlich geregelt, nur der Mensch sei wechselhaftem Glück ausgesetzt. Die Philosophie kann nun ihre zweite Diagnose stellen: In seinem Schmerz und Zorn ist Boethius in die äußerste Aufruhr der Leidenschaften verfallen. In diesem Krankheitsstadium kann sie nur leichtere Mittel einsetzen, die schärfere Arzneien vorbereiten sollen. Sie fährt fort, Boethius’ Geisteszustand zu prüfen. Auf ihre Frage, ob die Welt durch Zufall oder durch Lenkung der göttlichen Vernunft geleitet werde, ist Boethius von einer Lenkung durch Gott fest überzeugt. Diese Antwort ist für die Philosophie der Zündstoff seiner Wiederherstellung. Unklar sind ihm aber die Mittel der göttlichen Lenkung und das Endziel der Dinge. Und auch über sich selbst weiß er nicht mehr zu sagen, als dass er ein vernünftiges und sterbliches Lebewesen sei. Um zu genesen, so die erste Diagnose, muss Boethius den Endzweck der Dinge wieder erkennen und sich wieder über sich selbst sicher werden. (Die Forderung nach der Wiedererinnerung lässt an Platon denken).

2. Buch

Nachdem die Philosophie im ersten Buch erste Diagnosen aufstellte, beginnt sie im zweiten Buch damit, Boethius zu verdeutlichen, was ihn bisher täuschte und von der Selbsterkenntnis ablenkte: Sie klärt Boethius über die sich stetig wandelnde Natur der Fortuna (des Schicksals) auf. Dabei möchte die Philosophie die Rhetorik als Stütze ihrer Gebote nutzen, um den Weg für stärkere Medikamente zu bahnen. Redegewandt erklärt die Philosophie dem Boethius, dass er gar nichts verloren habe, indem sich die Fortuna ihm gegenüber gewandelt habe. Gerade die Wandelbarkeit sei doch die Natur der Fortuna und in ihrer Veränderlichkeit liege doch ihre eigentümliche Beständigkeit. Indem Boethius nun das zweideutige Antlitz der blinden Fortuna erkannt habe (nämlich dass sie letztlich mit falscher Glückseligkeit gaukele), sei er einen großen Schritt weiter in Richtung wahrer Glückseligkeit gelangt. Denn ein Glück, dass unstet ist und den Menschen verlässt, kann nicht wertvoll sein.

Als Mittel der Rhetorik die Personifikation nutzend, verhandelt die Philosophie ab der zweiten Prosa in der Rolle der Fortuna. Als Fortuna fragt die Philosophie Boethius, welches Unrecht sie ihm denn getan habe. Reichtum, Ehren und dergleichen, die die Fortuna Boethius großzügig überlassen habe, seien doch immer ihr Eigentum und niemals sein wahrer Besitz gewesen (auch wenn er dies glaubte). Sonst hätte er diese Güter nicht so einfach verlieren können. Außerdem könnten die Gaben der Fortuna ohnehin nie wirklich befriedigen, da die Gier der Menschen umso größer werde, je mehr Fortuna gebe. Gerade Boethius habe doch angesichts seiner edlen Erziehung, der Keuschheit seiner Gatttin und dem Erfolg seiner beiden gesunden Söhne von der Fortuna profitiert. Genauso, wie sein Glück fort ging, könne sich auch sein Unglück wieder wandeln. Er habe sich diesem zudem doch freiwillig unterworfen.

[...]

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