Faltung Rechteck Beispiel Essay

  • 1

    Lege ein normales Stück Papier (z.B.eine A4-Seite) vor dich hin.[1] Halte das Papier den ganzen Faltprozess über längsseits im Querformat.

  • 2

    Falte das Papier horizontal in die Hälfte. Lege die Ecken aufeinander, um sicherzustellen, dass die Falte gerade ist, und drücke die gefaltete Kante mit deinen Fingern nach unten, um eine Falte zu erstellen. Dann öffnest du das Stück Papier wieder und die Falte in der Mitte bleibt erhalten.

  • 3

    Drehe das Papier und falte die obere rechte Ecke zur Mittelfalte hin. Dort wo der Rand, der durch die obere rechte Ecke gebildet wird, die Mittelfalte berührt, in einer geraden Linie, faltest du die Ecke nach unten. Dadurch wird eine Dreiecksform entstehen, die die rechte obere Ecke beinhaltet.

  • 4

    Falte die obere linke Ecke zur Mittelfalte hin. Falte die obere linke Ecke genau wie die rechte nach unten. Vergiss nicht, das Papier mit deinen Fingern zu glätten, um einen geraden Knick zu machen. Nun hast du zwei kleine Dreiecke, die auf einem Rechteck liegen.

  • 5

    Drehe das Papier erneut und falte 2,5 cm von der oberen und unteren Kante hin zur Mitte.[2] Die Messung muss hier nicht genau sein, du kannst sie also grob nach Augenmaß schätzen. Beide Ecken, die obere und die untere, sollten hin zur Mitte gefaltet werden, und es sollte genug Raum in der Mitte übrig bleiben, sodass ein Brief oder eine Karte hineinpasst, wieder jeweils etwa 2,5 cm.
    • An dieser Stelle sollte das Papier wieder der Länge nach vor dir liegen.
    • Die Spitze des Dreiecks sollte nach links zeigen.
  • 6

    Falte die rechte Kante des Papiers entlang der unteren Linie des Dreiecks. Die Kante des gefalteten Dreiecks auf der linken Seite des Papiers sollte parallel zur Kante auf der rechten Seite liegen. Das Dreieck selbst wird weiterhin sichtbar sein. Glätte die Falte mit deinen Fingern und öffne sie anschließend.

  • 7

    Falte deine Nachricht, sodass sie in den Umschlag passt. Große Karten könnten zu groß sein für diese Methode, aber Papier in der Größe von normalem Briefpapier wird hineinpassen, wenn es in die Hälfte oder in Drittel gefaltet wird.

  • 8

    Stecke deine Nachricht hinein. Deine Mitteilung kann zwischen die Klappen des Umschlags gesteckt werden. Verwende die große Klappe des Dreiecks und die beiden Klappen an den Seiten, um die Nachricht im Umschlag zu halten.

  • 9

    Schließe den Umschlag. Falte die rechte Kante des Papiers auf die Kante des Dreiecks, wie ein paar Schritte zuvor. Falte den oberen Rand des Dreiecks hin zur Mitte des Rechtecks. Jetzt wirst du feststellen, dass die Rückseite deines Umschlags genau wie jene aussieht, die man im Geschäft kaufen kann.

  • 10

    Klebe die Kanten zu. Verwende kleine Klebestreifen, um alle Seiten des Umschlags zu befestigen. Klebe auch die Klappe des Umschlags zu.

  • 11

    Überbringe deinen Brief persönlich. Leider verlangt die Post in manchen Fällen, dass Sendungen, die nicht rechteckig sind, in einem Standardumschlag versendet werden müssen.[3] Überbringe deinen Brief persönlich, wenn du sicherstellen willst, dass kein zusätzliches Porto anfällt und er sein Ziel erreicht.

  • Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

    Literatur und Theater

    Literarische Chronik

    [1914]

    Die Novelle als Problem. Ein Erlebnis kann einen Menschen zum Mord treiben, ein anderes zu einem Leben fünf Jahre in der Einsamkeit; welches ist stärker? So, ungefähr, unterscheiden sich Novelle und Roman. Eine plötzliche und umgrenzt bleibende geistige Erregung ergibt die Novelle; eine langhin alles an sich saugende den Roman. Ein bedeutender Dichter wird jederzeit einen bedeutenden Roman schreiben können (und ebenso ein Drama), wenn er über Figuren und eine Erfindung verfügt, die gestatten, daß er seine Art zu denken und fühlen ihnen eindrückt. Denn die Probleme, die er entdeckt, verleihen nur dem mittleren Dichter Bedeutung; ein starker Dichter entwertet alle Probleme, denn seine Welt ist anders und sie werden klein wie Gebirge auf einem Globus. Aber man möchte denken, daß er nur als Ausnahme eine bedeutende Novelle schreiben wird. Denn eine solche ist nicht er, sondern etwas, das über ihn hereinbricht, eine Erschütterung; nichts, wozu man geboren ist, sondern eine Fügung des Geschicks. – In diesem einen Erlebnis vertieft sich plötzlich die Welt oder seine Augen kehren sich um; an diesem einen Beispiel glaubt er zu sehen, wie alles in Wahrheit sei: das ist das Erlebnis der Novelle. Dieses Erlebnis ist selten und wer es öfters hervorrufen will, betrügt sich. Die sagen, der Dichter hätte es immer, verwechseln es mit den gewöhnlichen intuitiven Elementen des Schaffens und kennen es überhaupt nicht. Es ist ohneweiters sicher, daß man große innere Umkehrungen nur ein- oder ein paarmal erlebt; die sie alle Monate erleben (es wären solche Naturen denkbar), hätten ihr Weltbild nicht so fest verankert, daß seine Losreißung von Bedeutung sein könnte.

    Die Konstruktion eines solchen Idealfalls der Novelle mag komisch aussehen, da es Novellisten gibt und Novelle ein Handelsartikel ist. Aber es ist selbstverständlich, daß hierbei nur von den äußersten Anforderungen gesprochen wird. Ein Mensch ist vorausgesetzt, der an sein Tun die stärksten Ansprüche stellt; dem Schreiben keine selbstverständliche Lebensäußerung ist, sondern der jedesmal eine besondere Rechtfertigung von sich dafür verlangt, wie für eine leidenschaftliche Handlung, die ihn (vor der Ewigkeit) exponiert. Der nicht gackert, wo sich nur ein Ei in ihm regt, sondern Einfälle für sich behalten kann. Der durchaus nicht nur darauf angewiesen ist, sich auszudichten, sondern auch ein Denker ist und weiß, bei welchen inneren Feldzügen man sich auf die eine, bei welchen auf die andre Waffe stützen muß, und nicht beide gegeneinander mengt. Und der schließlich mit indianischer Eitelkeit zu tragen vermag, daß vieles ihm nicht zu sagen gelingt und mit ihm zugrunde gehen wird. Dieser Mensch wird freilich sogar selten ein Gedicht machen, seine Phantasie wird nicht strömen wie ein Brunnen auf einem öffentlichen Platz. Er wird fremd bleiben und ein Sonderling; er wird vielleicht gar kein Mensch sein, sondern ein Etwas in mehreren. Wenn Kritik einen Sinn hat, so ist er, diese Möglichkeit nicht zu vergessen und manchmal alles o ja gewiß Schöne zur Seite zu schieben und zu zeigen, daß es nur eine Gasse ist.

    Aber selbstverständlich erfordert der normale Betrieb auch eine andre Betrachtung. Dichtungen sind nur in einer Wurzel Utopien, in einer andren aber wirtschaftliche und soziale Produkte. Sie haben nicht nur Pflichten, sondern sind Fakten, und die Pflichten haben sich mit ihnen abzufinden. Man schreibt Dramen, Romane, Novellen und Gedichte, weil es diese Kunstformen nun einmal gibt, weil Nachfrage besteht und weil sie sich zu vielem eignen. Kunstformen kommen auf und vergehen, wie das Versepos; und nur bis zu einem gewissen Grad ist das Ausdruck innerer Notwendigkeiten. In ästhetischen Fragen steckt oft mehr Praxis und gemeine Notwendigkeit als man denkt. Und wie man mit Interesse auf kleine schöne Erlebnisse, auf Tagebuchnotizen, Briefe und Einfälle zurückblickt und wie im Leben nicht nur die größten Spannungen Wert haben, so schreibt man Novellen. Sie sind eine rasche Form des Zugreifens. Und man darf nicht übersehen, daß von den starken Eindrücken der Literatur viele aus solchen Novellen kommen, und muß es ihnen danken. Sie sind oft kleine Romane oder in Bruchstücken skizzierte oder Hinwürfe irgendeiner Art, die nur im wesentlichen ausgeführt sind. Ihr Wesentliches kann in Symptomhandlungen eines Menschen liegen oder in solchen seines Dichters, in Erlebnissen, in der Silhouette eines Charakters oder eines Schicksalsablaufs, die für sich zur Darstellung reizt, und vielen kaum zusammenzählbaren Möglichkeiten. Es kann Wundervolles darunter sein und eben noch Hinlängliches; die kleinste Schönheit legitimiert schließlich auch noch das Ganze. Außer dem Zwang, in beschränktem Raum das Nötige unterzubringen, bedingt kein Prinzip einen einheitlichen Formcharakter der Gattung. Hier lebt das Reich nicht der notwendigen, wohl aber der hinreichenden Gründe. Wie man über die Versuche zu denken hat, statt von der Erlebnisbedeutung, von den ästhetischen Wundern der Novelle zu sprechen, von der Knappheit, dem Glück der Kontur, dem Zwang zur Tatsächlichkeit oder zur Wahl eines repräsentativen Augenblicks und ähnlichem solchen – neben das Menschliche gestellt – künstlerischen Mittler- und Maklerglück, das ihre Stellung bezeichnen soll, braucht nach all dem nicht gesagt zu werden.

     

    Die »Geschichten« von Robert Walser (1914). Positiv Gesinnte und Frauen mit starker Caritas werden diese dreißig kleinen Geschichten spielerisch finden. Sie werden ihnen vorwerfen, daß sie keinen Charakter verraten, launenhaft sind, daß sie mit dem Leben tändeln, ja, vielleicht kein Herz haben und daß sie sich von jener verblüffenden Entschlossenheit, mit der das Unbedeutende, eine Gartenbank etwa, manchmal seinen Platz in der Welt ausfüllt, imponieren lassen. Zusammengefaßt scheint mir, man wird zwar nicht sagen, aber im Untergrund davon belästigt werden, daß sie sittlichen Ernst vermissen lassen. Das ist aber so: wir haben in vielen Dingen so feste Verhaltungsweisen unseres Gefühls, daß wir sie wie in den Dingen selbst gelegen behandeln. Wir finden – ein Fall, der an Walser anknüpft – einen großen Theaterbrand zum Beispiel nie anders als ein entsetzliches Unglück. Nun könnte ihn jemand als ein prächtiges Unglück empfinden oder als ein wohlverdientes: da wir liberal sind, wollen wir ihn natürlich daran nicht hindern; was wir aber verlangen zu dürfen glauben, sind Gründe. Wenn der nun aber gar kein Bedürfnis nach Gründen hat, sondern er findet das Ganze so einfach ein entzückendes Unglück wie wir es ein entsetzliches finden, dann raten wir zunächst in der Richtung: verderbt, und finden wir dann nichts als einen lieben Kerl, so sagen wir, er habe keinen sittlichen Ernst oder er versündige sich gegen den Ernst des Gegenstandes. Ja wir verlangen diesen Respekt vor dem Gegenstande nicht nur bei traurigen Anlässen sondern fordern auch beim Vergnügen einen gewissen Ernst. Von einer Wiese zum Beispiel, daß sie grün sei, muß uns ein Dichter mit solchem Entzücken sagen, daß wir fühlen, wie sich – flugs – sein ganzes Herz mit übergrünt. Oder aber er sage, daß er das nicht kann und daß sie überhaupt nicht grün, sondern ein volkswirtschaftliches Unglück sei, weil wegen der schönen Wiesen der Agrarier die Fabrikarbeiter kein Fleisch essen können. Empfindet er aber bloß, sie sei ganz blödsinnig grün und zum Kugeln – und dies ist wohl das einfachste, was man vor einem schönen Rasen wird behaupten wollen –, dann finden wir wahrscheinlich doch, daß irgendwie die Gefühlsansprüche einer Wiese zu nachlässig behandelt werden. Walser nun ist wohl kaum auch nur mit der kleinsten Absicht ein Revolutionär oder ein Abwegiger des Gefühls, sondern eher ein liebenswürdiger, etwas phantastischer Biedermann in den meisten seiner Reaktionen, aber er versündigt sich fortwährend noch gegen den unveräußerlichen Anspruch der Welt- und Innendinge: von uns als real genommen zu werden. Eine Wiese ist bei ihm bald ein wirklicher Gegenstand, bald jedoch nur etwas auf dem Papier. Wenn er schwärmt oder sich entrüstet, läßt er nie aus dem Bewußtsein, daß er es schreibend tut und daß seine Gefühle auf Draht stecken. Er heißt plötzlich seine Figuren schweigen und die Geschichte reden, als wäre sie eine Figur. Marionettenstimmung, romantische Ironie; aber auch etwas in diesem Scherz, das von fern an Morgensterns Gedichte erinnert, wo die Gravität wirklicher Verhältnisse plötzlich an dem Faden einer Wortassoziation weiterzurieseln beginnt; nur daß diese Assoziation bei Walser nie rein verbal, sondern immer auch eine der Bedeutung ist, so daß die Gefühlslinie, der er gerade folgt, sich hebt wie zu einem großen Schwung, ausweicht und befriedigt schaukelnd in der Richtung einer neuen Verlockung weitergeht. Daß das keine Spielerei sei, möchte ich eigentlich gar nicht behaupten, aber es ist jedenfalls – trotz der ungemeinen Wortbeherrschung, in die man sich vernarren könnte – keine schriftstellerische Spielerei, sondern eine menschliche, mit viel Weichheit, Träumerei, Freiheit und dem moralischen Reichtum eines jener scheinbar unnützen, trägen Tage, wo sich unsere festesten Überzeugungen in eine angenehme Gleichgültigkeit lockern.

     

    Franz Kafka. Mir scheint trotzdem, daß die Sonderart Walsers eine solche bleiben müßte und nicht geeignet ist, einer literarischen Gattung vorzustehn, und es ist mein Unbehagen bei Kafkas erstem Buch Betrachtung (1913), daß es wie ein Spezialfall des Typus Walser wirkt, trotzdem es früher erschienen ist als dessen Geschichten. Auch hier Kontemplation in einer Art, für die ein Dichter vor fünfzig Jahren sicher den Buchtitel Seifenblasen erfunden hätte; es genügt, die spezifische Differenz zu erwähnen und zu sagen, daß hier die gleiche Art der Erfindung in traurig klingt wie dort in lustig, daß dort etwas frisch Barockes ist und hier in absichtlich seitenfüllenden Sätzen eher etwas von der gewissenhaften Melancholie, mit der ein Eisläufer seine langen Schleifen und Figuren ausfährt. Sehr große künstlerische Herrschaft über sich auch hier und vielleicht nur hier ein Hinübertönen dieser kleinen Endlosigkeiten ins Leere, eine demütig erwählte Nichtigkeit, eine freundliche Sanftheit wie in den Stunden eines Selbstmörders zwischen Entschluß und Tat oder wie man dieses Gefühl nennen will, das man sehr verschieden benennen kann, weil es bloß wie ein ganz leiser dunkler Zwischenton mitschwingt; und das sehr reizvoll ist, bloß zu unbestimmt und leise. Es berührt sich mit jener Innerlichkeit des Erlebens, die das andere Buch Kafkas, die Novelle Der Heizer (1913), so entzückend macht. Diese Erzählung ist ganz Zerflattern und ganz Gehaltenheit. Sie ist eigentlich kompositionslos, ohne nennenswerte äußere oder innere Handlung und setzt die Schritte doch so eng und ist so voll Aktivität, daß man fühlt, wie weit und bewegt bei manchen Menschen der Weg von einem ereignislosen Tag zum nächsten ist. Ein junger Mann fährt von Europa nach Amerika, seiner Familie weg und zu einem märchenhaft unerwarteten, guten und geachteten Onkel hin, unterwegs befreundet er sich mit einem Heizer, nimmt an seinem Schicksal teil, tut lauter unvollendbare Dinge, die von der Welt aus gesehen wie abgerissene Drähte in sie hineinhängen, und denkt lauter Gedanken, die er selbst nicht vollendet; das ist alles. Es ist absichtliche Naivität und hat doch nichts von dem Unangenehmen einer solchen. Denn es ist rechte Naivität, die in der Literatur (genau so wie die falsche; da liegt nicht der Unterschied!) etwas Indirektes, Kompliziertes, Erworbenes ist, eine Sehnsucht, ein Ideal. Aber etwas ist, das Überlegungen vertrug, ein fundiertes, ein Gefühl mit lebendigen Gründen; während die falsche sogenannt echte, die beliebte schlichte Naivität eben dies nicht und darum so wertlos ist. Es gestaltet sich in Kafkas Erzählung ein ursprünglicher Trieb zur Güte aus, kein Ressentiment, sondern etwas von der verschütteten Leidenschaft des Kindesalters für das Gute; jenes Gefühl aufgeregter Kindergebete und etwas von dem unruhigen Eifer sorgfältiger Schularbeiten und viel, wofür man keinen anderen Ausdruck als moralische Zartheit bilden kann. Die Forderungen an das, was man tun soll, werden hier von einem Gewissen gestellt, das nicht von ethischen Grundsätzen getrieben wird, sondern von einer feinen, eindringlichen Reizbarkeit, welche fortwährend kleine Fragen von großer Bedeutung entdeckt und an Fragen, die für andere nur ein glatter, gleichgültiger Block sind, merkwürdige Faltungen sichtbar macht. Und dann steht inmitten von all dem eine Stelle, wo berichtet wird, wie eine ohne Liebe angejahrte Magd unbeholfen verlegen einen kleinen Jungen verführt; ganz kurz, aber von einer solchen Macht in wenigen Strichen, daß der bis dahin vielleicht bloß sanfte Erzähler als sehr bewußter Künstler erscheint, der sich zu kleinen und geringen Empfindungen beugt.

     

    Bücher und Literatur

    [1926]

    Ankündigung

    Das literarische Flurschützenamt des Kritikers! Ich schicke voraus, daß ich gar nichts davon verstehe, und um gleich noch etwas zu sagen, was meine Eignung zum Kritiker beleuchtet: Ich mag nicht Bücher lesen.

    Ich erinnere mich, seit Jahren selten ein Buch zu Ende gelesen zu haben, außer es war ein wissenschaftliches oder ein ganz schlechter Roman, in dem die Augen steckenbleiben, als ob man einen großen Teller in Schnaps getränkter Makkaroni hinunterschlingen würde. Wenn ein Buch dagegen wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte; mit der Länge des Gelesenen wächst in steigenden Potenzen ein bis heute unaufgeklärter Widerstand. Nicht anders, als ob die Pforte, durch die ein Buch eintreten soll, sich krampfhaft gereizt eng verschließen würde. Man befindet sich, wenn man ein Buch liest, alsbald in keinem natürlichen Zustande mehr, sondern fühlt sich einer Operation unterworfen. Da wird ein Nürnberger Trichter an den Kopf gesetzt, und ein fremdes Individuum versucht, seine Herzens- und Gedankenweisheit einem einzuflößen; kein Wunder, daß man sich diesem Zwange entzieht, sobald man nur kann!

    Die Amerikaner sind andere Leute. Ein Mann wie Jack London, der ein sehr lebendiger und kluger Mann ist, hält sich nicht für zu gut, um beim seligen Käptn Marryat, der unsre Kindertage erfreut hat, in die Schule zu gehen und sein Garn ganz aus dem Fell des wilden Schafes zu spinnen, das er mit Recht als das Innere seiner Leser vermutet. Wenn es ihm gelingt, dabei einen oder den anderen tiefen Gedanken einzuschmuggeln oder eine mächtige Szene, ist er sehr zufrieden; denn er betrachtet Literatur als ein männliches Geschäft, das Käufer und Verkäufer etwas bieten muß. Wir Deutschen dagegen betreiben bis tief in den Moralkitsch hinein eine Genieliteratur. Immer ist der Verfasser ein ungewöhnlicher Mensch; er fühlt entweder ungewöhnlich kühn oder ungewöhnlich gewöhnlich; stets breitet er sein so oder so geordnetes Seelensystem zur Nachahmung vor uns aus. Selten ist er ein Mensch, der die Unterhaltung für seine Pflicht ansieht, und wenn er es tut, sinkt er gewöhnlich ohne Widerstand zu einer maßlos gemeinen Unterhaltung als Stimmungskanone der Heiterkeit oder Sentimentalität herab. (Vielleicht läßt sich später einmal mehr davon erzählen.) Im übrigen wäre wohl gegen den Drang zum Genialen in einer Literatur wenig einzuwenden. Nur das eine natürlich: das größte Volk kann unmöglich die ausreichende Anzahl Genies für eine solche Literatur hervorbringen.

    Können die Schriftsteller nicht schreiben oder die Leser nicht lesen?

    Man sagt, es seien die Bücher schuld und die deutschen Schriftsteller könnten nicht schreiben. Das ist eine liebenswürdige und einleuchtende Hypothese, um das eigentümliche Mißbehagen zu erklären, in das man sich beim Lesen von Büchern versetzt fühlt. Vergessen wir aber niemals, daß es bloß eine Hypothese ist! Wie alle Hypothesen hüllt sie eine Tatsache in einen Überschuß ein, und wenn man sich nackt an die Wahrheit halten will, welche in der Behauptung steckt, daß die Schriftsteller nicht schreiben können, so vermag man bloß festzustellen, daß die deutschen Leser nicht mehr lesen können. Das ist das einzige, was feststeht und wovon man ausgehen kann. Wir deutschen Leser empfinden heute einen unerklärlichen grundsätzlichen Widerstand gegen unsere Bücher. Alles andere ist äußerst unklar. Es ist auch unklar, wer und was die Schuld hat. Darum ist es gut, sich wohl oder übel zuerst umzusehen, wie eigentlich heute ein Mensch liest, der am Lesen von Büchern keine Freude empfindet und dennoch seine Zeit an Bücher abgibt?

    Wir wollen sehr vorsichtig an diese Frage gehen, um nicht den Anschein zu erwecken, daß wir eine ausreichende Antwort wissen, was unsere Verleger in ein Goldgräberfieber versetzen müßte.

    Wir wollen auch unter Mensch nicht die glückseligen Opfer der Literatur in Fortsetzungen verstehen, unter denen noch wirkliche Leseleidenschaft wütet, sondern nur solche Menschen, welche mit jenem Ernste lesen, mit dem man einen Kirchenvorstand wählt oder den Namen für den erstgeborenen Sohn.

    Es gibt heute kein Genie

    Nun, der Umgang mit ihnen zeigt sofort eine Erscheinung, welche offensichtlich in diese Betrachtung gehört: Es vergehen nicht fünf Minuten, wenn zwei solche Verantwortliche sich irgendwo treffen und das Gespräch eine höhere Richtung nimmt, ohne daß sie sich im gemeinsamen Ausdruck einer Überzeugung finden, die sich ungefähr in die Worte fassen läßt: es gibt ja heute doch keine große Leistung und kein Genie!

    Sie meinen damit durchaus nicht das Fach, welches sie selbst vertreten. Auch handelt es sich dabei nicht um eine besondere Form des Heimwehs nach der besseren alten Zeit. Denn es zeigt sich, daß die Chirurgen keineswegs die Zeit Billroths für chirurgisch größer als die ihre halten, daß die Pianisten durchaus überzeugt sind, das Klavierspiel habe seit Liszt Fortschritte gemacht, ja sogar, daß die Theologen die Meinung verbergen, es sei immerhin diese oder jene kirchliche Frage heute genauer bekannt als in Christi Tagen. Nur sobald die Theologen auf die Musik, die Dichtung oder die Naturwissenschaft, die Naturwissenschaftler auf die Musik, die Dichtung und die Religion, die Dichter auf die Naturwissenschaft usw. zu sprechen kommen, zeigt sich jeder überzeugt, daß die anderen nicht ganz das Richtige leisten und, bei allem Talent, von dem Beitrag, den sie der Allgemeinheit schulden, das Wichtigste, das Letzte, eben was das Genie wäre, schuldig bleiben.

    Dieser Kulturpessimismus auf Kosten der anderen ist eine heute weitverbreitete Erscheinung. Er steht in einem sonderbaren Widerspruch zu der Kraft und Geschicklichkeit, die allenthalben im einzelnen entwickelt wird. Man hat den Eindruck, daß ein Riese, der ungeheuer viel ißt, trinkt und leistet, davon nichts wissen will und sich lustlos schwach erklärt wie ein junges Mädchen, das die eigene Blutarmut ermüdet. Es gibt sehr viele Hypothesen zur Erklärung dieser Erscheinung, davon angefangen, daß man sie als die letzte Stufe einer seelenlos werdenden Menschheit ansieht, bis dorthin, wo man in ihr die erste Stufe von irgend etwas Neuem erblickt. Es wird gut tun, diese Hypothesen nicht ohne Not um eine neue zu vermehren und lieber sich noch nach einigen anderen Erscheinungen umzusehen.

    Es gibt nur noch Genies

    Denn scheinbar im Widerspruch zu der geschilderten Mieselsucht steht die Leichtigkeit, mit der man heute das höchste Lob spendet, wenn es einem gerade paßt, und ist doch wahrscheinlich im Innersten eins mit ihr.

    Man nehme sich die Mühe und sammle durch längere Weile unsere Buchbesprechungen und Aufsätze mit der Absicht und nach den Methoden, um aus ihnen ein Bild der geistigen Bewegung in der Zeit zu gewinnen. Man wird nach einigen Jahren mächtig darüber erstaunen, wie viele erschütterndste Seelenverkünder, Meister der Darstellung, größte, beste, tiefste Dichter, ganz große Dichter und endlich einmal wieder ein großer Dichter im Laufe solcher Zeit der Nation geschenkt werden, wie oft die beste Tiergeschichte, der beste Roman der letzten zehn Jahre und das schönste Buch geschrieben wird. Wenn man oft Gelegenheit hat, solche Sammlungen durchzublättern, staunt man jedesmal von neuem über die Heftigkeit augenblicklicher Wirkungen, von denen in den meisten Fällen wenige Jahre später nichts mehr zu sehen ist.

    Man kann eine zweite Beobachtung machen. Noch mehr als einzelne Kritiker sind ganze Kreise hermetisch gegen einander abgedichtet. Sie werden gebildet von bestimmten Typen von Verlagen, zu denen bestimmte Typen von Autoren, Kritikern, Lesern, Genies und Erfolgen gehören. Denn das Bezeichnende ist, daß man in jeder dieser Gruppen ein Genie werden kann, wenn man eine bestimmte Auflagenhöhe erreicht, ohne daß die anderen Gruppen davon etwas merken. Es mag sein, daß in ganz großen Fällen ein Teil des Publikums von der einen Fahne zur anderen desertiert; sicher ist auch, daß sich um die meistgelesenen Schriftsteller ein eigenes Publikum aus allen Lagern bildet; stellt man aber eine Liste der Erfolgreichen in der Abstufung ihrer Auflagenzahlen zusammen, so merkt man sogleich aus der Zusammensetzung, wie wenig die paar Lichtgestalten, die sich darunter befinden, imstande sind, bildend auf den Geschmack der Allgemeinheit zu wirken, und diesen davon abzuhalten, sich mit gleicher Begeisterung wie ihnen auch einer obskuren Mittelmäßigkeit zuzuwenden; diese einzelnen treten über die Ufer, welche im allgemeinen vorgezeichnet sind, aber wenn ihre Wirkung abfließt, fängt jede Rinne des vorhandenen Kanälesystems das ihre davon auf.

    Noch eindrucksvoller zeigt sich dieser Partikularismus, wenn man die Betrachtung nicht bloß auf die schöne Literatur beschränkt. Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Roms es gibt, in deren jedem ein Papst sitzt. Nichts bedeutet der Kreis um George, der Ring um Blüher, die Schule um Klages gegen die Unzahl der Sekten, welche die Befreiung des Geistes durch den Einfluß des Kirschenessens, vom Theater der Gartensiedlung, von der rhythmischen Gymnastik, von der Wohnungseinrichtung, von der Eubiotik, vom Lesen der Bergpredigt oder einer von tausend anderen Einzelheiten erwarten. Und in der Mitte jeder dieser Sekten sitzt der große Soundso, ein Mann, dessen Namen Uneingeweihte noch nie gehört haben, der aber in seinem Kreis die Verehrung eines Welterlösers genießt. Ganz Deutschland ist voll von solchen geistigen Landsmannschaften; aus dem großen Deutschland, wo von zehn bedeutenden Schriftstellern neun nicht wissen, von was sie leben sollen, strömen ungezählten Halbnarren Mittel zur Entfaltung ihrer Propaganda, zum Druck von Büchern und zur Gründung von Zeitschriften zu. Ich habe die Zahlen von heute nicht zur Hand, aber vor dem Kriege sind in Deutschland jährlich über tausend neue Zeitschriften und weit über dreißigtausend neue Bücher erschienen, und wir haben uns natürlich eingebildet, daß dies ein weithin leuchtendes Zeichen unseres geistigen Hochstandes sei. Man darf vielleicht ebensogut vermuten, daß dieses Übermaß ein unbeachtetes Zeichen eines sich ausbreitenden Beziehungswahns ist, dessen Grüppchen das ganze Leben an einer fixen Idee befestigen, so daß ein echter Paranoiker es heute wirklich schwer haben muß, sich bei uns des Wettbewerbes der Amateure zu erwehren.

    Nur Literatur

    Die Art, in der sich ein Mensch, der einen Beruf hat und so natürlich lesen möchte, wie man tief atmet, wenn man aus dem Bureau kommt, gegen diese brodelnde Luft wehrt, die ihm den Atem streitig macht, besteht darin, daß er in seiner Notwehr erklärt, das alles sei »nur Literatur«. Während frühere Zeiten Worte wie Federfuchser, Kritikaster zur Abwehr bestimmter Auswüchse der Literatur hervorgebracht haben, ist heute das Wort Literat selbst zum Schimpfwort geworden. Nur Literatur bezeichnet so etwas wie Mottenseelen, die um künstliche Lichter flattern, während draußen der Tag scheint. Der tätige Mensch fühlt sich durch ihre Unruhe belästigt, und wer hätte ihn noch nicht kurz entschlossen erklären hören, daß er in Gerichtssaalberichten, Reisebeschreibungen, Biographien, politischen Reden, geschäftlichen Aussprachen, in den Erfahrungen am Krankenbette, auf Bergfahrten oder in der Fabrik mehr Poesie und Erschütterung findet als in der zeitgenössischen Literatur. Von da bis zu der Überzeugung, daß in dieser »raschlebigen und von großen Vorgängen erschütterten Zeit« eigentlich nur das kleine Zeitungsentrefilet oder Feuilleton wirklich lebendige Kunst sei, ist es nicht mehr weit. Er versichert, das Leben sei das größte Gedicht, und hat den Vorteil, sich damit selbst zum Range eines dichterischen Genies zu erheben, da doch jeder in gewissem Sinn der Autor seines Erlebens ist. Damit ist aber der letzte Leser geschwunden und es bleiben nur noch Genies übrig.

    Wir haben also bloß die Frage zu untersuchen: Wie lesen Genies?

    Das weiß man aber. Genies haben die Eigenschaft, daß sie die Leistungen anderer Genies selten anerkennen. Sie lesen nur die Bestätigung ihrer eigenen Ansichten, und diese langweilt sie. Die Wandervögel die der Wandervögel, die Psychoanalytiker die der Psychoanalytiker. Sie wissen es selbst (und dem ist dann auch wirklich so) besser. Sie lesen deshalb mit dem Bleistift in der Hand, dem Ausrufungszeichen und Anmerkungen entfahren. Und an der in ihren Augen etwas zurückgebliebenen schönen Literatur lieben sie vor allem nicht die Umständlichkeit; Anregung genügt. Sie lesen eigentlich immer nur Titelköpfe, wie man sie in den Zeitungen so schön überfliegen kann; zuweilen anerkennen sie es, wenn sich recht viel Titelköpfe bewegen, und nennen es geistige Bewegtheit; zuweilen beschleicht sie ihre Einsamkeit, und dann nennen sie es nur Literatur. Mit einem Wort: Genies lesen so, wie man heute liest.

    Was sie tun, wenn sie schreiben, bleibt dabei beiseite.

    Eine kleine Theorie

    Und nun sei eine kleine Theorie aufgestellt. Es soll keine große sein, welche diese Erscheinungen als irgend etwas Historisches erklärt, sondern nur eine Ableitung aus alltäglichen Erfahrungen. Unsere Köpfe und Herzen verarbeiten die Eindrücke, welche sie empfangen, desto besser, je zusammenhängender oder je weniger einzeln diese sind; wir leisten mehr, wo wir oder wo die Dinge ein System haben. Das ist eine bekannte Tatsache. Sie fängt mit der rhythmischen Arbeit an und geht über die Kenntnis, daß jede Arbeit ganz anders geleistet wird, wenn man ihren Sinn weiß, als wenn sie in lustlose einzelne Stücke zerfällt, bis zu der befruchtenden Kraft großer wissenschaftlicher Theorien, als deren Folge stets eine Fülle unerwarteter Entdeckungen entsteht; ja selbst die belebende Kraft geistiger Bewegungen, dieses sonderbare Erwachen seelischer Jahrzehnte mitten zwischen ganz andersgearteten, scheint nichts anderes zu sein als die Steigerung der Leistungen und das Heraufbeschwören ansonsten ungetan bleibender Leistungen durch die zauberhafte Erleichterung des persönlichen Schaffens, welche eine große gemeinsame, selbst eine nur eingebildete Ordnung gewährt. Nicht ohne Zweck läuft die Geschichte des Geistes, vornehmlich die der Kunst in »Richtungen« und »Strömungen«: der Zweck ist natürlich nicht das Entstehen der nun unwiderruflich schönsten Kunst, sondern ein psychotechnischer Trick, der das Entstehen überhaupt erleichtert.

    Auf das Lesen einschränkend, darf gesagt werden, daß es einen ungeheuren Unterschied bedeutet, ob man von allgemeinen Überzeugungen getragen liest oder nicht. Man staunt, wenn man heute erkennt, wieviel Spreu die hoffnungsvolle Zeit um 1900 für ebenso wichtig erachtet hat wie ihren besten Weizen; man wird sich später ebenso über manche Schriftsteller wundern, die heute im Vordergrund stehn: dennoch leisten selbst solche Mißverständnisse in gewissem Sinn den gleichen Dienst wie Verständnisse; sie helfen dem Leser, zu sich selbst zu kommen, oder um zu sagen, was wirklich ist, sie helfen die Suggestion verstärken, durch die seine Eindrücke in ein System der gegenseitigen Erleichterung und Energievermehrung kommen, das wirkungsvoller ist als das egozentrische der »persönlichen Bildung« oder der »sittlichen humanen Persönlichkeit«, das wir – schon etwas lahm – als Erbe des 18. Jahrhunderts übernommen haben. Wenn aber mehrere solcher Strömungen im gleichen Zeitpunkt zusammentreffen, so bedeutet dies natürlich soviel wie gar keine Strömung, und es tritt das sonderbare Schauspiel auf, daß eben noch Bewegung vorhanden war, ja daß sie, einzeln betrachtet, eher noch in einem Übermaß vorhanden zu sein scheint, dessenungeachtet sich doch im ganzen ein schneller Kräfteverfall bemerkbar macht.

    Jahre ohne Synthese

    Die gegenwärtigen Jahre dürften durch eine solche Interferenz von Wellen gekennzeichnet sein, die sich gegenseitig auslöschen, wie die Beteiligten mit einigem Staunen bemerken. Es ist eine der ungerechtesten Täuschungen, sich oder anderen einzubilden, daß es heute keine Dichtung genügend großer Art gebe; im Gegenteil, man könnte wohl leicht zwei Dutzend Namen aufzählen, die zusammen ein Maß von Können, Kühnheit, Freiheit und anderen entscheidenden Eigenschaften geben, das den Vergleich mit keiner anderen Spanne unserer Literatur zu scheuen braucht; aber sie ergeben keine Synthese, keine wahre und keine eingebildete, man vermag – grob gesprochen und wörtlich zu nehmen – nichts Ganzes mit ihnen anzufangen: und das erklärt nicht wenig von dem Gefühl der Mutlosigkeit und Enttäuschung, durch das die Gegenwart erregt wird. Ein solcher Verfall, der die literarische Kraft gewissermaßen im allgemeinen umfaßt, besteht zunächst nicht darin, daß es weniger gute Werke gibt, noch daß sich zwischen die guten mehr schlechte drängen, sondern drückt sich zuvor in einer gewissen Unruhe, Ohnmacht, ja Liberalität des Geschmacks aus; dieser hält noch fest, aber er hält nicht mehr dicht; alles Mögliche strömt durch allerhand Fugen ein, das vordem unmöglich gewesen wäre; man beginnt, die Klassenunterschiede der Werke aus dem Gefühl zu verlieren, und nennt in einem Atem – z. B. Hamsun und Ganghofer. Dieses Beispiel scheint heute noch unmöglich zu sein, aber man glaube nur ja nicht, daß der Weg von der Geltung Hebbels bis zu der Wildenbruchs lang war!

    In einem solchen Zeitpunkt darf man daran erinnern, daß es ein System, eine Synthese gibt, die wichtiger als Dichter, umfassender und dauernder als Strömungen ist: die Literatur.

    So selbstverständlich das aussieht, und mit halbem Sinn gewöhnlich auch ausgesprochen wird, übersehe man nicht, daß es nicht weniger bedeutet als die Umkehrung festsitzender Gepflogenheiten. Es kehrt nicht nur die Selbstverständlichkeit hervor, daß die Literatur wichtiger ist als ihre Richtungen, sondern kehrt unter anderem auch solche Überzeugungen um wie die, daß Kunst ein Gnadengeschenk sei, eine beglückende Begegnung mit einzelnen großen Menschen, eine Erholung und in jeder Weise eine menschliche Ausnahme. Literatur ernstlich voranstellen, heißt einen kollektiven Arbeitsbegriff auf einer geheiligten Insel einführen, und wenn man es bös ausdrücken will, die Fauna dieser glücklichen Insel zu Konserven verarbeiten. Das ist ohne Zweifel ein Unternehmen, von dem man zugeben muß, daß es ebenso leicht in ein Zuviel wie in ein Zuwenig ausarten kann.

    Literatur und Lesen

    Literatur in solcher Absicht gebraucht, heißt das Interesse nicht auf die Summe und auf das Museum der Werke richten, sondern auf die Funktion, das Wirken, das Leben der Bücher, ihre Zusammenfassung zu einer fortdauernden und sich steigernden Wirkung. Die menschliche Bemühung, welche Tausende von Menschen, und darunter sehr begabte, darauf richten, ein Gedicht oder einen Roman zu schreiben, kann unmöglich damit erschöpft sein, daß diese einer Anzahl Leser gefallen, daß eine Wolke der Anregung und Bewegung von ihnen ausgeht, die eine Weile über ihrem Platz hängt und dann von allerhand luftigen Strömungen zerblasen wird. Unser Gefühl und eine unklare Erfahrung sträuben sich dagegen. Dennoch bleiben wir jedesmal von neuem, wenn wir vor ein Werk oder einen Dichter geraten, ihnen gegenüber allein, werden von ihnen gestreift, von unserem Platz geschoben, aber wieder verlassen, und es ist jede Dichtung ihr eigener Anfang. Was wir Geschichte der Literatur nennen, ist allerdings ein auf Festhalten gerichtetes Bemühen; aber mit ihren Erklärungen des Gewesenen aus den Bedingungen seiner Zeit und ihren kausalen mehr oder weniger verläßlichen Analysen großer Personen hilft sie, auch wenn man sie sich vollendet vorstellt, zwar dem Verstehen, jedoch nicht oder nur auf Umwegen dem Erleben; sie ist, sofern sie sich in den sicheren Grenzen ihrer Aufgabe hält, nicht unmittelbar Ordnung der Erlebnisse und Eindrücke selbst, sondern Analyse und Zusammenfassung von Personen, Zeiten, Stilen, Einflüssen – also etwas ganz anderes.

    Aber so gut das Kunstwerk in all seiner Einmaligkeit sich in eine historische Ordnung bringen läßt, die nicht bloß chronologisch ist, läßt es sich auch in eine andere bringen. Schon das instinktive Verfahren des Lesens hat es auf nichts anderes abgesehen, als die Wirkung, das Bedeutsame, den empfundenen Wert des Buches unmittelbar – das heißt als Effekt, als Bedeutetes, als persönlich anzueignenden Wert – und so festzulegen, daß sie nicht wieder verlorengehen. Fragt man nach den Vorgängen, durch die das geschieht, so lehrt schon der flüchtigste Einblick in sich selbst solche kennen. Man übernimmt gedankliche Elemente, die sich ja ohne weiteres bewahren lassen; man selbst erlebt Einfälle, Klarstellungen, Ausblicke, welche durch das Lesen angeregt wurden und bestehen bleiben, wenn der Anlaß auch längst vergessen ist; man gerät ins Fühlen und faßt die Empfindungen, von denen man angesteckt wurde, entweder als Erfahrung in Worte oder als Vorsätze in eine feste Einstellung zusammen oder überläßt sie sich selbst, die dann, ihre Energie langsam und verstreut abgebend, in den übrigen Gefühlen verschwimmen; man bewahrt auch das Ungewisse und Unbeschreibliche der Werke – den Rhythmus, die Gestalt, den Gang, das Physiognomische des Ganzen – entweder eine Weile rein mimetisch, so wie man von eindrucksvollen Menschen nachahmend angesteckt wird, als innere Gebärde sozusagen, oder macht den Versuch, es in Worte zu fassen; es wäre sehr schwierig, diese Vorgänge vollzählig anzugeben, aber die Richtung, in der ihr Ziel liegt, ist bald erkenntlich. Was diesen unwillkürlichen Bemühungen fehlt, ist nur die Zusammenfassung zu einem Ganzen.

    Wenn man aber unter Literatur die Summe der Dichtungen versteht, ist auch sie kein Ganzes. Sie wäre dann eine ungeheure Sammlung von Beispielen, deren jedes anders ist und doch jedes schon da war, deren jedes von jedem anders und doch in bestimmten Gleichförmigkeiten verstanden wird, eine Angelegenheit von unsäglicher Breite, ohne Anfang und Ende, ein Gewirr herrlicher Fäden, das kein Gewebe ist. Ein solches Aggregat von Lesern und Büchern wird erst dann zur Literatur, wenn zu der Summe der Werke der Inbegriff der verarbeiteten Leseerfahrungen hinzukommt. Oder mit anderen Worten: die Kritik.

    Kritik, so gesehen

    Es gibt viele Leute, welche leugnen, daß Kritik in diesem Sinn überhaupt möglich sei, welcher ja doch irgendwie ein Oben und Unten, die Auswahl irgendwelcher Richtungen voraussetzt, in denen ein Fortschreiten für Fortschritt gilt. Unser Zeitalter hat von einer Vorgeneration den Schreck vor der ästhetischen Regeldetri davongetragen, mit der man im Angesicht klassischer Gipsbüsten die Kunst maßregeln wollte. Der Impressionismus verließ sich auf den Saft, vermeinend, daß die Kunst irgendeinen, physiologisch nicht ganz klaren, Weg unmittelbar ins Herz findet. Der Neo-Idealismus und der Expressionismus operierten mit irgendeiner nicht weniger unmittelbaren »Anschauung« von Gedanken, welche sich nicht ganz mit der Nachdenklichkeit deckt, auf welche es ankommt. Sogar die Ästhetik selbst, von einigen bedeutenden Köpfen erneuert, leugnet heute ihre eigene Anwendbarkeit auf die Praxis; dieses gebrannte Kind will nicht mehr normativ sein. Die Folge war die Mein-Eindrucks-Kritik und die Kritik der Vokabelraketen, die Kritik des Mitschwingens und des Darauflosschwingens, welche soviel von dem Durcheinander heutigen Geistes am Gewissen haben.

    Die Lage der Kritik ist indes keine schwierigere als die der Moral. Es ist uns auch keineswegs gegeben, göttliche und unveränderliche sittliche Gesetze zu kennen; die Moral wird in ihrem Wechsel von den Menschen geschaffen, die sie vorleben und den übrigen aufnötigen; dennoch läßt sich nicht leugnen, daß sie ein System besitzt, welches zugleich wandelbar und fest ist. Kritik in diesem Sinn ist nichts über der Dichtung, sondern etwas mit ihr Verwobenes. Sie ergänzt die ideologischen Ergebnisse zu einer Überlieferung – wobei ideologisch in einer weiten Weise zu nehmen ist, die auch die Ausdruckswerte der »Formen« umfaßt – und erlaubt nicht die Wiederholung des gleichen ohne neuen Sinn. Sie ist Ausdeutung der Literatur, die in Ausdeutung des Lebens übergeht, und eifersüchtige Wahrung des erreichten Standes. Eine solche Übersetzung des teilweise Irrationalen ins Rationale gelingt nie völlig; aber was Vereinfachung, Auszug, ja Auslaugung ist, hat zugleich mit den Nachteilen auch die allseitige Beweglichkeit und den großen Umfang der Verstandesbeziehungen. So ist sie ein Weniger und ein Mehr, bleibt wie jede ideologische Ordnung dem Leben, das sie umfaßt, viel einzelnes schuldig und verleiht ihm dafür etwas Allgemeines. Mit Besserwissen hat diese Kritik wenig zu tun; sie darf irren, denn sie entsteht niemals durch einen, sondern durch ein Kreuz und Quer, durch die Bemühung vieler, durch einen endlosen Prozeß von Revisionen, ja, entsteht letzten Endes durch die kritisierten Bücher selbst, denn jedes bedeutende Werk hat die Fähigkeit, alles umzustürzen, was man vor ihm geglaubt hat.

    Literat und Literatur
    Randbemerkungen dazu

    [1931]

    Vorbemerkung

    Diese Aufzeichnungen wollen weder eine Theorie, noch eine Entdeckung sein und stellen nichts dar als einen Überblick über einige Erscheinungen der Dichtung und des Literatentums, die untereinander zusammenhängen. Als Beginn mag die Frage dienen, warum bei uns die Bezeichnung Literat für ein Scheltwort gilt, und noch dazu ein solches ist, das oft von Menschen, die in keinem ganz einwandfreien Sinn Literaten sind, gegen solche gebraucht wird, die es in einem einwandfreien Sinn sein möchten. Denn der Mann, der von der Literatur lebt, indem er sie zu irgendeinem Geschäft ausnützt, heißt bei uns gewöhnlich nicht Literat, sondern besitzt neben seinem Einkommen eine schöne Berufsbezeichnung, sei es auch nur, daß er Zwischentiteldichter heißt; Literat dagegen wird vornehmlich jemand genannt, der sich von keinen anderen Rücksichten leiten läßt als der Abhängigkeit von der Literatur: er ist Nur-Literat, und daß sich daraus eine geringschätzige Bezeichnung entwickeln konnte, die nicht allzufern den Begriffen Kaffeehaus und Boheme liegt, weist immerhin auf Verhältnisse innerhalb der Literatur oder zwischen ihr und dem menschlichen Ganzen hin, die bemerkenswert sein müssen. Eine Literatur, die es gestattet, mit dem Wort Literat eine solche Bedeutung zu verbinden, erinnert an einen Apfelbaum, der Kirschen oder Melonen tragen möchte, aber nur ja keine Äpfel. Was fehlt dem Baum? Wir alle sind zuerst und zuoberst Literaten. Denn Literat im richtigen Sinn, das ist der noch nicht spezifizierte Funktionär der Literatur, das Grundgebilde, woraus alle anderen entstehen. Der junge Mensch beginnt als Literat und nicht als Dichter oder gar gleich als Dramatiker, Historiker, Kritiker, Essayist und so weiter, selbst wenn man ein gewisses »Geborensein« für das eine oder das andere zugeben will, und das Wesen einer Literatur ist nicht in Ordnung, sobald dieser Zusammenhang nicht mehr gespürt wird. Dann darf man fragen, welche Störungen es bewirken, daß die gemeinsame Grundbedeutung über der ausgebildeten Form verlorengeht, und diese Frage wird man, wenn auch unvollständig und nur nach gewissen Begriffen entwickelt, in den folgenden Beobachtungen klingen hören.

    Der Literat als allgemeinere Erscheinung

    Gewöhnlich ist mit der Bezeichnung Literat dort, wo sie tadelnd gebraucht wird, eine nicht unwesentliche Vorstellung verbunden, die sich ungefähr so aussprechen läßt: er sei ein Mann, der sich irgendwie zu ausschließlich und auf Kosten seiner »vollen Menschlichkeit« mit der Literatur beschäftige, also ein Mensch aus zweiter Hand, der nicht (wie es angeblich der Dichter tut) von den Tatsachen des Lebens abhänge, sondern von den Berichten über sie. Mit anderen Worten, es sind die Hauptmerkmale dieser Vorstellung die gleichen wie die des Begriffs, den man von einem Scholiasten, Kommentator oder Kompilator hat, und in diesem Sinn ist der Famulus Wagner ein Literat gewesen, den Goethe unsterblich und lächerlich gemacht hat. Wahrlich hat diese Gattung Mensch in der Geschichte des Geistes vom Altertum bis zur Gegenwart auch eine Rolle gespielt, die nicht immer erfreulich war. Ein solcher Mann, der auf die Worte der Meister schwört, ist aber ausgezeichnet durch die Geringfügigkeit persönlicher Leistung bei umfassender Kenntnis fremder, und damit wäre nun beinahe schon eine Definition des Literaten schlechterer Spielart gewonnen, wenn – solche Beschreibung nicht eben auch auf einen Durchschnittsprofessor zuträfe. Sie trifft auch auf einen Strategen zu, der in der Entscheidung versagt, aber ein ganz brauchbarer Kriegsschullehrer ist; man könnte ihn einen Literaten der Kriegskunst nennen. Sie trifft ebenso auf einen moralischen Rigoristen zu, dessen Geist ganz von Vorschriften angefüllt ist, wie auf einen moralischen Libertinisten, dessen Geist ein Merkzettel der Freiheiten ist; beides, Rigorismus wie Libertinage, sind Wesenszüge eines Literaten. Dieses Mißverhältnis zwischen eigener Leistung und Kenntnis fremder findet sich überhaupt je nach den Umständen verschieden ausgeprägt. Wo Können erforderlich wäre, wird es dieses durch Kennen ersetzen; wo Entscheidungen am Platz sind, wird es Skrupel liefern; wo die Aufgabe in einer theoretischen Leistung liegt, wird es sich mit Kompilation behelfen, sich ebensogut aber auch in eine nie endende experimentelle Vielgeschäftigkeit flüchten ...: In allen Fällen scheint es jedoch zu einer Verschiebung zu führen, durch welche die Anstrengung von der eigentlichen Leistung, zu der Begabung, Wille oder Umstände nicht hinreichen, auf eine leichter erreichbare Nebenleistung verlegt wird, die den Ehrgeiz hinreichend befriedigt. Es liegt in der Natur dieses Vorgangs, daß dabei das Unfruchtbare und Unursprüngliche, wenn es sich mit einem gewissen, auf Leistung gerichteten Ehrgeiz paart, immer auch in lebhafte Verbindung mit der Überlieferung geraten wird, während es nicht oder nur in geringem Ausmaß auf die gründenden Elemente – sei es der Ideenbildung, sei es der Erfahrungs-, Gefühls- oder praktischen Entschlußbildung – zurückgeht, und der Literat in üblem Sinne ist nichts als ein Einzelfall dieser weit größere Gebiete umfassenden Erscheinung.

    Literat und Literatur

    Ein solcher Versuch, die Erscheinung des Literaten in einen Kreis verwandter Erscheinungen einzubeziehen, läßt natürlich die Frage offen, was denn in diesem Kreis schließlich seine Eigenart ausmache und welche besonderen Eigenschaften den Literaten der schönen Literatur von dem einer sozusagen beliebigen unterscheiden. Betrachtet man ihn nun, um das nachzuholen, als gesellschaftliches Sonderbild, so findet man den Schönliteraten, je nach der Seite, von der man es tut, entweder als einen sogenannten Intellektuellen oder als einen sogenannten Gefühlsmenschen von seinen Nachbartypen abgerückt. Das heißt, er pflegt in einem echten Intellektuellen, also etwa einem durchschnittlichen Gelehrten, den Eindruck eines Zuwenig an Intelligenz hervorzurufen, allerdings gewöhnlich mit dem Anschein einer gefühlhaften Überleistung, wogegen er auf einen richtigen Gefühlsmenschen – dem das Reden schwer fällt, der sich zu nichts leicht entschließen kann und darum an seinen Worten, Beschlüssen und Gefühlen treu festhält – den Eindruck eines »Intellektuellen« macht, dessen Gefühl schwach, unbeständig und nicht wirklich ist. Hält man beides zusammen und ergänzt es aus der Erfahrung, so ergibt das einen Menschen, dessen Intellekt mit seinen Gefühlen spielt oder dessen Gefühle mit seinem Intellekt spielen, was man nicht unterscheiden kann, dessen Überzeugungen unbeständig sind, dessen logische Schlüsse wenig Verläßlichkeit haben und dessen Kenntnisse ungenau begrenzt sind, der diese Mängel aber auf eine eindrucksvolle Weise durch eine lockere, rasche, weitreichende, manchmal auch scharf eindringende Geistigkeit ergänzt und durch eine der schauspielerischen ähnliche Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Mimik fremder Lebens- und Gedankenbereiche einzufühlen.

    Man darf wohl ohne Herabwürdigung des Schriftstellerberufs einräumen, daß kaum ein einziger der ihm Ergebenen ganz frei davon ist, dieses Doppelprofil zu zeigen. Wir können aber auch (denn Akt und Akteur prägen sich gegenseitig aus) von der Betrachtung der Literatur ausgehen und finden dann, was freilich ungleich wichtiger ist, ein Gebiet mit Eigentümlichkeiten, die solchen des Literaten in einer bedeutsamen Weise entsprechen. Die schöne Literatur hat als Ganzes wie in allen ihren Teilen etwas Unendliches und Unabgeschlossenes, sie dehnt sich ohne Anfang und Ende dahin und jedes ihrer Gebilde ist singulär und durch kein anderes ersetzlich, wenn sich die Gebilde auch ein wenig miteinander vergleichen lassen. Die schöne Literatur hat keine Ordnung außer einer historischen

    Categories: 1

    0 Replies to “Faltung Rechteck Beispiel Essay”

    Leave a comment

    L'indirizzo email non verrà pubblicato. I campi obbligatori sono contrassegnati *